Andacht – ´Gedanken zum Auftanken´

„Alles hat seine Zeit“ oder
„2018 in Würde älter werden“

Liebe Leserinnen und Leser unseres Gemeindebriefes,

Älterwerden ist heute schwerer als zu früheren Zeiten. In einer Welt, die sich früher sehr wenig veränderte, waren die Alten automatisch die Klügeren, die mit der meisten Lebenserfahrung. Von den Älteren lernten die Jungen, wie gelingendes Dasein verlaufen soll. Auch war die Lebenserwartung viel geringer.
Bei den Römern wurde man ab dem 45. Lebensjahr ´Senior´ genannt. Als der Königsberger Philosoph Immanuel Kant 50 Jahre alt wurde, begrüßte ihn der Festredner mit den Worten: „Ehrwürdiger Greis“.
Im Jahr 2018 haben wir nun eine ganz andere Welt. Zwar werden heute Ältere Best-Agers oder Silver Surfer genannt, die vor 100 Jahren noch uralt gegolten haben. Was Ältere aber gestern gelernt haben, hat für das Heute nur noch beschränkte Gültigkeit. Was sind nun die Aufgaben des Älterwerdens und was sind die Besoderheiten dieses Lebensabschnittes heute? Es gibt mehreres, ich möchte mich hier aus Platzgründen jeweils auf einen Akzent beschränken.

Älterwerden bedeutet u. a. die KUNST DES ABDANKES erlernen und dies meint vielerlei:

  1. Abdanken heißt, sich mit Dank verabschieden, sich selber und die eigene Art und Weise den anderen nicht als Diktat zu hinterlassen.
  2. Abdanken meint, sich nicht mit Bitterkeit und Resignation abwenden, sondern mit Schmerz und Heiterkeit zugeben, dass nun die jüngere Generation an der Reihe ist. Und diese hat das Recht, ihre eigenen Wege zu gehen. Übrigens, der derzeitige österreichische Bundeskanzler Kurz ist 31 Jahre, der französische Staatspräsident Macron 41 Jahre alt. Die Verantwortungsträger in der Privatwirtschaft und öffentlichen Verwaltung sind weigehend Mitte 30 bis Mitte 40 Jahre alt.
  3. Abdanken bewirkt, dass die nachfolgende Generation mit Güte und Zärtlichkeit an ihre Vorgänger zurückdenken kann.
  4. Abdanken zeigt auch etwas von einem hoffnungsvollen Gottesglauben, nämlich, dass Gottes Wege weitergehen werden. Übrigens – wer nicht rechtzeitig abdanken lernt, der wird leicht zur tragischen Figur. Wie viele Leute habe ich in meinem Pfarrerleben schon beerdigt, die echt meinten, ohne sie ginge das Leben nicht weiter. Welche lächerliche Hybris!

Was gehört nun u. a. zur BESONDERHEIT des Alters? Ältere Menschen vermitteln das Gefühl von Kontinuität und Dauerhaftigkeit, aber auch das Gefühl von Verblühen und Vergehen.

Ältere Leute bauen Brücken über die Zeiten. Sie tun dies durch ihre bloße Existenz – sie haben vieles erlebt, überlebt und erfahren – und indem sie von ihrem Leben erzählen. Sie sind dadurch eine Hilfe gegen die asthmatische Hektik und Kurzatmigkeit der Jungen. Ältere zeigen, durch ihr bloßes Sein, auch – wieder die Denkart der Moderne – dass der Mensch mehr ist als das, was er schafft und bringt, was er leistet und konsumiert. Der Mensch ist ein gewolltes, geliebtes und wertvolles Geschöpf Gottes.

Der bekannte Lebenskenner Hanns Dieter Hüsch sagte einmal: „Wir sind auf Erden nur auf der Durchreise, das Entscheidende kommt erst noch“. Er erinnert damit an eine wichtige theologische Grundlage von Christen, nämlich, unser Leben ist „nicht die letzte Gelegenheit“ wie die Soziologin Marianne Gronemeyer schreibt, sondern es hat noch eine größere Perspektive.

Wir Menschen kommen von Gott her und gehen wieder zu Gott. Ohne diese Perspektive müssten wir unsere ganze Glückssehnsucht, auch die im Alter, in die wenigen Jahre unseres Erdenlebens pressen. Diese ´Zeitknappheit´ führt aber nur zu einem hastigen, hektischen und egozentrischen Lebensstil. Wer gleichsam den Himmel auf Erden sucht, sucht das maßlose Glück in begrenzter Zeit.

Herzlich grüßt
Ihr Pfarrer Herwig H. Mauschitz

GEBET EINER ÄBTISSIN von Theresa v. Avila (1515-1582)

„Herr, du weißt, dass ich altere und bald alt sein werde. Bewahre mich davor, schwatzhaft zu werden, und besonders vor der fatalen Gewohnheit, bei jeder Gelegenheit und über jedes Thema mitreden zu wollen. Befreie mich von der Einbildung, ich müsse anderer Leute Angelegenheiten in Ordnung bringen. Bei meinem ungeheuren Schatz an Erfahrungen und Weisheit ist´s freilich ein Jammer, nicht jedermann daran teilnehmen zu lassen.

Du, weißt, Herr, am Ende brauche ich ein paar Freunde. Ich wage nicht, dich um die Fähigkeit zu bitten, die Klagen meiner Mitmenschen über ihre Leiden und nie versagender Teilnahme anzuhören. Hilf mir nur, sie mit Geduld zu ertragen, und versiegle meinen Mund, wenn es sich um meine eigenen Kümmernisse und Gebrechen handelt. Sie nehmen zu mit den Jahren, und meine Neigung, sie aufzuzählen, wächst mit ihnen.

Ich will dich auch nicht um ein besseres Gedächtnis bitten, nur um
etwas mehr Demut und weniger Selbstsicherheit, wenn meine Erinnerungen nicht mehr mit der anderer übereinstimmt.  Schenke mir die
wichtige Einsicht, dass ich mich gelegentlich irren kann.

Hilf mir, einigermaßen milde zu bleiben, Ich habe nicht den Ehrgeiz,
eine Heilige zu werden. Mit manchen von ihnen ist es so schwer auszukommen. Aber ein zänkisches altes Weib ist ein Meisterwerk des Teufels.

Mach mich teilhabend, aber nicht sentimental, hilfsbereit, aber nicht aufdringliche. Gewähre mir, dass ich Gutes finde, wo ich es vermutet
habe, und Talente bei Leuten, denen ich es nicht zugetraut hätte. Und schenke mir, Herr, die Liebenswürdigkeit, es ihnen auch zu sagen. Amen“